Ruhrpodcast 169 – Der Trinkhallenprofi!
im Gespräch mit Journalist, Fotokünstler und Trinkhallenprofi Peter Hesse aus Dortmund
Pünktlich zum „Tag der Trinkhalle“, spreche ich mit Peter Hesse über die Trinkhalle als typischen Ort im Ruhrgebiet. Zur kurzen historischen Einordnung stelle ich einen Text aus den Archiven des LVR und LWL vor: Demnach entstanden Trinkhallen seit den 1870er Jahren im Zusammenhang mit Industrialisierung, schlechter Trinkwasserversorgung und dem Versuch, den Alkoholkonsum der Industrie und Werksarbeiter einzudämmen.

Trinkhallen im Ruhrgebiet
Peter Hesse fotografierte über Jahre hinweg Trinkhallen im Ruhrgebiet und dokumentiert diese Fotos bundesweit in Ausstellungen und Kalendern. Er beschreibt, dass er in drei Jahren rund tausend Trinkhallen fotografiert hat, und erklärt, dass für ihn vor allem das äußere Erscheinungsbild entscheidend ist: ob eine Bude eigenständig wirkt, auffällige Schilder hat oder insgesamt einen trashigen Eindruck macht.
Ein früher Miniaturnahversorger
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, was eine klassische Trinkhalle ausmacht. Beschrieben werden das kleine Häuschen, das Schiebefenster, die Bonbon-Auswahl, Getränke, Zigaretten, Zeitschriften und einfache Lebensmittel. Dabei wird die Trinkhalle als früherer Miniaturnahversorger mit enger Verbindung zur Arbeitswelt dargestellt.
Die soziale Rolle
Wir sprechen über die soziale Rolle der Bude. Sie wird als Ort beschrieben, an dem man sich kannte, kurz miteinander sprach, etwas anschreiben lassen konnte und im Alltag Kontakt hatte. Gleichzeitig thematisieren wir, dass solche Orte heute durch Supermärkte, Digitalisierung und veränderte Einkaufsgewohnheiten an Bedeutung verlieren.
Die hässlichsten Vorgärten im Ruhrgebiet
Zum Schluss geht es um aktuelle und geplante Projekte von Peter Hesse. Er berichtet über Ausstellungen, Kalender und weitere fotografische Vorhaben, darunter auch ein neues Projekt mit den „hässlichsten Vorgärten im Ruhrgebiet“.
Aus den Seiten des LVR + LWL
Vorab zitiert aus den Internetseiten von Landschaftsverband Ruhr (LVR) + Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL): „Die klassische Trinkhalle des Ruhrgebiets ist eng mit der Industrialisierung verbunden. Seit den 1870er-Jahren verbreiteten sich sogenannte Trinkhallen oder Seltersbuden im Revier. Ursprünglich verkauften sie vor allem Mineralwasser. Ein Hintergrund war die problematische Trinkwasserversorgung; zugleich sollte der verbreitete Konsum hochprozentigen Alkohols unter Industriearbeitern eingedämmt werden. Die industrielle Abfüllung von Mineralwasser in Flaschen trug in den 1870er-Jahren wesentlich zur Verbreitung der Trinkhallen bei.
Ihre Standorte waren eng mit der Arbeitswelt verbunden: vor Fabriktoren und Zechen, teilweise auf Betriebsgeländen sowie in Arbeitersiedlungen. Später kamen Bier, Spirituosen, Tabakwaren, Zeitungen, Süßigkeiten und Lebensmittel hinzu. Damit entwickelte sich die Trinkhalle zu einer Art Miniatur-Nahversorger des Industriezeitalters.
Interessant für dein Gespräch ist auch die soziale Dimension der Betreiber: Trinkhallen wurden teilweise von Bergmannswitwen, Opfern von Bergbauunfällen und später Kriegsinvaliden geführt. Kommunen erteilten entsprechende Konzessionen vergleichsweise großzügig, weil der Betrieb einer Trinkhalle eine Möglichkeit zum eigenen Lebensunterhalt bot.“
Weitere Info
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